Ich zeichne, male und gestalte um Geschichten zu erzählen.
Meine zeichnerische und malerische Ausdrucksweise ist das Alphabet mit dem ich Wörter, Sätze und komplexe Geschichten vermitteln möchte.
Das Zeichnen war das erste Medium mit dem ich mich ausdrückte, meine Umgebung unterhielt und auch berührte.
Am Anfang stand der Schrei eines Körpers nach Erfüllung seiner Bedürfnisse. Danach kamen die Buchstaben.
Die ersten Buchstaben, die ich bewusst wahrgenommen habe, waren die lateinischen, hier in Deutschland. Von Kinderbüchern, Straßenbildern, dem Kindergarten und dann in der ersten und zweiten Klasse in Ulm an der Donau. Danach musste ich mich in Sofia unter stressigen Umständen mit dem kyrillischen Alphabet auseinandersetzen.
Der erste kyrillische Buchstabe mit dem ich konfrontiert wurde, war das „Ж“.
Es war Ende Oktober, das Schuljahr hatte schon begonnen, erste Klasse in Sofia, meine erste Stunde im Bulgarisch-Unterricht, alles ganz neu. Verglichen mit den nüchternen, abstrakten, lateinischen Buchstaben sah das handgeschriebene „Ж“ wie eine herrlich verspielte Zeichnung aus. Es wurde mir bewusst, dass ich in einer anderen Welt angekommen war. Diese hat mich bis zu meinem 26. Lebensjahr geprägt und ich verließ sie danach, um andere Welten zu entdecken. Damals sprudelte ich vor Geschichten, die ich zweidimensional festhalten wollte.
Vermutlich wegen des alphabetischen Wirrwarrs meiner Kindheit, hatte ich das Bedürfnis mein eigenes Alphabet zu entwickeln. Das Zeichnen mit seiner Universalität und Sprachenunabhängigkeit hatte ich schon am Anfang zum dafür geeigneten Medium erklärt.
Der Duktus, die Art und Weise des Umgangs mit Materialien und Bildträgern, die Wahl der Pinsel, die Federn und Stifte prägen meinen Zeichen- und Malstil und transportieren somit meine Geschichten und Botschaften an den Betrachter.
Meine Werke sind texterzeugend, selten textbegleitend.
Text: Andrey Gradetchliev c 2020
„Pret à Portrait“ Dr. Jutta Moster-Hoos, 04.11.2018 - Stadtmuseum Oldenburg Ein komplizierter Titel, ein Zungenbrecher und natürlich ein Wortspiel mit zwei französischen Begriffen:
Pret à Porter bedeutet Konfektionsware, also Mode, die nicht auf den Leib geschneidert wird, sondern von der Stange kommt. „Fertig zum Tragen“. Das war übrigens eine Errungenschaft und Modernisierung die Menschen zu vermessen und Kleidergrößen einzuführen. Also das Gegenteil der so genannten Haute Couture, der Hohen Schneiderkunst, bei der ein einziges Modell entworfen wird, das dann auf die jeweilige Kundin zugeschneidert wird.   Andrey entführt uns also in die Welt der Mode, und so lauten auch die Bildtitel: „Laufsteg I bis VI“ oder „Auf der Bühne“. Das Wortspiel, das Andrey macht, lautet aber „Pret à Portrait“. Das Porträt ist natürlich auch ein franz. Begriff und stamm aus dem Altfranzösischen: portraire: „(hervor)ziehen, vor Gericht bringen, ausführen, künstlerisch bilden, gestalten, zeichnen“. Natürlich hat auch das Porträt, das Bildnis, etwas mit dem äußeren Erscheinungsbild zu tun, und ich glaube, das ist es vor allem, was Andrey interessiert. Es sind weniger die tiefenpsychologischen Analysen eines einzelnen Gesichts, sondern es ist der Habitus, das Gesamterscheinungsbild, das Benehmen und Gebaren. Im Zusammenhang mit der Mode, geht es natürlich um stark inszenierte Bilder von Menschen, das Gegenteil von – in Anführungszeichen - „natürlichen“ Bildern von Menschen, falls es so etwas gibt.
Dr. Wiebke Steinmetz - Eröffnungsrede zur Ausstellung „Andrey Gradetchliev. Hafenumschlag“ am Freitag, 19. Mai 2017, um 18 Uhr in der BBK Galerie in Oldenburg Bitte scrollen! Zur Einstimmung eine Passage aus der Erzählung „Einstein überquert die Elbe bei Hamburg“ von Siegfried Lenz: „Dies hier ist eine Photographie zum Lesen, zum Suchen und Wiederfinden jedenfalls, denn so ein Weitwinkel beläßt es nicht bei wenigen Worten, der macht dem Auge redselige Angebote – was noch gar nichts heißen soll; aber man wundert sich doch über die gutmütige, erzählbereite Elbe, die im Vordergrund an Ketten hängende Anlegepontons vorzeigt, zerschrammt und zersplittert unter den Stößen eiserner Bordwände; weiter dann, wo das Wasser schwarz vorbeidrängt, einfach alles zuläßt, was schwimmen kann: Festmacherboote, Getreideheber, Schlepper, Schuten, Tanker und kombinierte Frachtschiffe, die, im Frohsinn bewimpelt, auf einwandfreiem Kollisionskurs liegen – zumindest sieht es so aus –, und die nach einer prachtvollen Massenkollision wohl noch einmal gerammt werden sollen von einem grünweißen, betagten, dennoch rostfreien Elbdampfer, einem Fährschiff, um genauer zu sein, dessen deutliche Schaumspur sowohl der Elbe als auch der ganzen Photographie eine glimmende Diagonale verschafft, eine halb ausgeführte Diagonale natürlich, die aber schon ausreicht, daß man sich nicht in die Flaggen verguckt, nicht in Masten und die im Dauerspagat hängenden Ladebäume, ja nicht einmal in die mennigrote Wand des Schwimmdocks, das vor den Hellingen einer Werft verankert ist und, einen widerspruchslosen Hintergrund bildend, der Elbe ihre tatsächliche Breite bestreitet;…“ Diese etwas komplizierte Erzählung in drei Sätzen schrieb Siegfried Lenz 1969 und schildert darin die kurze Episode einer Überfahrt auf einem Fährschiff im Hamburger Hafen, der damals wie heute von großer Betriebsamkeit geprägt ist. Artifiziell ist die Geschichte aus Worten zu einem Bild geformt und es erschließt sich nicht sofort, was eigentlich der Sinn der Erzählung ist. Aber es ist eine intellektuelle Herausforderung und Freude, den Text zu lesen. Die Erzählung regte übrigens 1975 Oskar Kokoschka zu fünf Lithografien an. Die Schilderung des Hamburger Hafens von Siegfried Lenz versetzt uns unmittelbar in die Welt, mit der sich Andrey Gradetchliev in der letzten Zeit beschäftigt hat. Bei ihm geht es jedoch nicht um das Getümmel und Geschiebe der Schiffe im Hafen, nicht um die Elbe und auch nicht explizit um den Hamburger Hafen, sondern um Häfen und ihre Anlagen ganz allgemein. Hafenumschlag ist ja ein Wort mit leicht altertümlichem Klang und dabei ist die Sache in der heutigen globalisierten Welt für das Funktionieren unserer Gesellschaft und Wirtschaft von immenser Bedeutung. Denn Hafenumschlag benennt den Transport und die Lagerung von Waren, der weltweit über die Häfen abläuft und Garant wirtschaftlicher Entwicklung ist. Hier in Norddeutschland ist der Begriff deshalb auch den meisten wohlvertraut, als Titel einer Ausstellung aber doch eher ungewöhnlich. Und dennoch trifft der Titel genau das, was Sie in dieser Ausstellung von Andrey Gradetchliev zu sehen bekommen. Er zeigt die Orte einer besonderen Arbeitswelt. Hafenbecken und Silos, Kräne und Trichter, Brücken, Förderbandanlagen und Kais: Technik überall. Bauwerke der Ingenieurskunst angelegt auf Funktionalität. Menschenleer und still, irritierend und verführerisch nah an der Realität. Doch STOP! Ganz so nah an der Realität ist es mit den Hafenumschlag-Bildern dann doch nicht, was spätestens auf dem zweiten Blick sichtbar wird. Denn der Hafenumschlag von Andrey Gradetchliev ist fiktional und im Spannungsfeld von Malerei und Grafik entstanden. Und die Bilder sind etwas ganz Neues in seinem Werk. In diesen Bildern vereint Andrey Gradetchliev alles, was er als Künstler zu bieten hat. Er ist Grafiker, Illustrator und Maler. Viele von Ihnen kennen ihn und wissen, dass er seit über 15 Jahren in Oldenburg lebt und arbeitet. Nach dem Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Sofia, kam er mit einem Stipendium des DAAD ins Atelierhaus in Worpswede. Später arbeitete er am Theater in Hof und war 2005 Assistent bei Sol LeWitt in Brüssel und St. Gallen. Viele von Ihnen kennen vermutlich seine hinreißenden Menschenbilder und die Tanzenden, doch nun erleben Sie hier in der Ausstellung etwas komplett anderes von ihm. Seine Bilder agieren im Spannungsfeld von technischer Zeichnung und Malerei, von Technik und Kunst. Andrey Gradetchliev lässt in seinen neuesten Arbeiten virtuelle und reale Welten miteinander verschmelzen und wie er das macht, möchte ich Ihnen kurz erläutern. Für seine visionär und technikaffin wirkenden Darstellungen begibt er sich an die realen Orte des Hafenumschlags: zu Rheinumschlag hier im Oldenburger Hafen und in die Häfen von Antwerpen und Wilhelmshaven. In den Häfen fotografiert er die Hafenanlagen aus vielen Perspektiven. Er richtet den Blick sowohl auf die Gesamtanlagen als auch auf Details. Die entstandenen Fotos werden anschließend von ihm – ganz im Sinne moderner zeiteffizienter Bildfindungsstrategien – am Computer mit Bildbearbeitungsprogrammen im wahrsten Sinne des Wortes auseinandergenommen. Ausgewählte Motive werden in einem besonderen Druckverfahren auf die Leinwand gebracht und dann beginnt ein langwieriger Mal- und Zeichenprozess. Mit Öl, Acryl, Tusche und Lack bearbeitet er die Leinwand, die aber auch unbemalt bleiben kann. Wie in einem Puzzle werden die Bildelemente zusammengefügt. Er wählt Ausschnitte, verändert die Größendimensionen, dreht, spiegelt oder kombiniert die Bildelemente zu veränderten Zusammenhängen. Er folgt dabei vermutlich einer gewissen Faszination für Technik und einem tiefen ästhetischem Empfinden. Intervenierend überzieht er die Leinwand mit feinsten Parallelschraffuren, die Anmutungen an technische Zeichnungen suggerieren. Einige seiner Bilder zeigen den Hafenumschlag so, wie er vor Ort auch zu erleben ist: Hafenbecken, Schiffe, Silos, Krananlagen und Halden bilden in einem Gesamtgefüge das Hafengelände, das allerdings menschleer ist. Die Leere und die Verlassenheit der Industriebrachen, aber auch das unglaubliche Ausmaß technischer Großanlagen werden dabei thematisiert. Verfremdende Umrisslinien und Schattenszenen deuten Bewegung an. Sogleich entsteht das Gefühl des Unheimlichen, des Unbehaglichen, der Irritation und des Mysteriösen. Was findet hier statt? Was ist passiert? Oder besser: Ist was passiert? Wo sind die Menschen und der übliche Hafenbetrieb? Der Anschein von Wirklichkeit wird beim Betrachter und der Betrachterin zudem durch Detailgenauigkeit und Präzision der Wiedergabe der Bildszenen erweckt und durch die Unlogik der Gesamtkomposition sogleich wieder zerstört. Denn der Hafenumschlag ist von Andrey Gradetchliev aller praktischen Funktionen entledigt. Hier geht gar nichts mehr. In anderen Bildern entstehen Bildszenerien, in denen die Silos, Kräne, Förderräder und Brücken zu etwas Wesenhaftem mutieren und dabei rein den Gesetzen von Kunst und Ästhetik unterliegen. Beispielsweise in dem Bild Werra 22, welches Sie im Flur und auf der Einladungskarte sehen können. Das großformatige Gemälde zeigt eine Kaianlage in fotografischer Präzision. Viele Details der technischen Zweckbauten, Eisenbahnschienen und Kräne sind fein mit Weiß nachgezeichnet. In der Mitte dieses Bildes richten sich machtvoll in einer seitlich gedrehten Spiegelung zwei Krananlagen mit der Aufschrift Rheinumschlag auf. Sie erscheinen wie ein unbekanntes, aber auch bedrohliches Wesen – vielleicht ein stilisierter Kopf eines Insekts –, das aus einer anderen, technoiden Welt zu kommen scheint. Gänzlich der Wirklichkeit entrückt wird das Gebilde durch die zarten parallelen Strukturen, die V-förmig von der Bildmitte nach oben ausstrahlen. Die Isolierung von Bildelementen aus dem Gesamtgefüge der Hafenanlagen schreitet mit der Entwicklung dieser Bilderserie kontinuierlich fort und der Künstler scheint seine wahre Freude an der Bilderfindung mit technischen Formen zu haben. Die Silos, Brücken und Kräne geraten zu Bildchiffren und erkämpfen sich eine eigenwillige Autonomie, aus der heraus etwas völlig Neues entsteht. Wie in einem Suchbild müssen wir uns in den Bildern orientieren. Scheinbare Symmetrien lösen sich bei genauerer Betrachtung wieder auf und zeigen, dass hier rein künstlerische Entscheidungen und nicht technische Funktionszusammenhänge die Konstruktionen bestimmen. Und in diesem Spiel aus Konstruktion und Wirklichkeit kann es auch schon mal geschehen, dass Kräne vielfach multipliziert zu einer Ballettformation arrangiert werden, wie in dem Bild Rijnkaai 139 (im Wintergarten). Die Kräne spiegeln sich in einem imaginären Nichts vor einem gleichmäßigen Streifenhintergrund. Das Graphische dominiert das Malerische. Die aktuelle Bilderserie von Andrey Gradetchliev zeigt Ergebnisse des Zerlegens, Separierens und Zusammenfügens. Die Gesetze der Schwerkraft sind aufgehoben, pseudofunktionale Gebäude und Anlagen entstehen vor unseren Augen, die zuweilen als Porträts abseitiger Orte Spuren des Verfalls und des Untergangs in sich tragen. Einige Bilder besitzen den Charakter des Unfertigen, wenn beispielsweise Linien im Nichts enden. In den jüngsten Bildern lösen sich die Bildelemente völlig aus ihren Entstehungszusammenhängen. Die Schönheit technischer Strukturen und Konstruktion verselbstständigen sich zu graphischen Mustern und erschaffen gleichzeitig bildnerische Utopien einer technisierten Zukunft. So erinnern die Bildkompositionen an futuristische Flugobjekte, Raumschiffe oder Drohnen. Der Künstler trägt mit seinen Bildern zur Überwindung des Gegensatzes von Kunst und Technik bei, der viele Jahrhunderte bestand. Denn Technik spielte in der Kunst bis ins 20. Jahrhundert hinein eine eher periphere Rolle. Technische Bauten waren in Malerei und Zeichnung nur selten ein Thema künstlerischer Auseinandersetzung. Eine bekannte Ausnahme sind die architektonischen Visionen von Giovanni Baptista Piranesi, die so genannten „Carceris“. Natürlich gab es Architektur- und Ingenieurszeichnungen, aber eben nur selten als künstlerisch ambitionierte Bilder. Erst die Pop Art hat dazu beigetragen, dass Malerei eine Ausstrahlung technischer Objektivität erhielt. Der Hauptvertreter der Pop Art, Andy Warhol, sah Technik als „Vorbild für eine bessere menschliche Lebenswelt“ an. Er schrieb einmal an seinen Lieblingsdichter Truman Capote: „Maschinen haben weniger Probleme […] ich möchte eine Maschine sein, Sie nicht?“ Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine neue Sicht auf moderne Industrieanlagen, Maschinen und industrielle Zweckbauten mit technischen Strukturen. Bernd und Hilla Becher waren im Bereich der Fotografie Pioniere, die „Kühltürme in Kunst“ verwandelten und mit ihrem Werk der Industriearchitektur ein Denkmal errichteten. Ganz im Sinne der Konzeptkunst fotografierten sie die baulichen Relikte der Industriegesellschaft unter folgenden Bedingungen: zentriert, tiefenscharf, schattenlos und in Schwarz-Weiß und folgten damit der Strategie des Erkennens des Schönen im Zweckmäßigen. Der Aspekt der Konzeptkunst lässt sich indirekt auch in den Arbeiten von Andrey Gradetchliev entdecken. Doch geht er in seinen Bildern noch einen Schritt weiter. Er gewährt den technischen Bildelementen eine Form von Autonomie, die allein durch sein künstlerisches ästhetisches Empfinden gelenkt wird. Ich glaube, Andrey Gradetchliev mag seine Bildwelten sehr. Er taucht in sie ein und lebt darin künstlerische Ideen aus. Und er ist da dem Schriftsteller Siegfried Lenz gar nicht so unähnlich, der ein wenig kompliziert, aber ästhetisch und künstlerisch hochinteressant, eine Konstruktion von Wirklichkeit anbietet. Und schließen möchte ich meine Anmerkungen mit der ästhetischen Haltung, die Hilla Becher 1989 folgendermaßen formulierte: „Die Technik hat es nicht nötig, interpretiert zu werden, sie interpretiert sich selbst. Man muss nur die richtigen Objekte auswählen und präzise ins Bild rücken, dann erzählen sie ihre Geschichte von selbst.“
Was für ein Thema ist hier gesetzt, Bewegung und Emotion, der Mensch, bewegt durch Emotion,Emotion, die sich in Bewegung ausdrückt, Bewegung des Ich aus sich selbst heraus oder auf sich selbst zu: Man kann ein ganzes Register menschlicher Befindlichkeiten so durchdeklinieren. Und Andrey Gradetchliev tut das mit künstlerischen Mitteln. Ins Bild gesetzt sind Menschen in verschiedensten Posen und Bewegungen. Und immer wieder Gestalten in tänzerischer Aktion und im Moment des Stillstand, selbstvergessen und im affektgeladenen Mit- und Gegeneinander. Rätselhaftes hat seinen Platz neben dem ganz Offensichtlichen. Dabei macht es der Künstler uns leicht, das Allgemeine im Situativen zu sehen. Er hat dafür eine besondere künstlerische Handschrift entwickelt. ...Man kann aus diesen Arbeiten eine künstlerische Strategie von Andrey ablesen. Er verzahnt Tiefenschichtungen, malerische Andeutungen und feinste zeichnerische Passsagen. Gegensätze gehören zum Kompositionsprinzip: Positiv zu negativ; hell zu dunkel; abstrakt reduziert zu illustrativ genau. Die Beschreibung der Figuren ist nicht ganzheitlich angelegt. Sie bleibt teilweise im Ungefähren. Nur der locker schwingende Rock ist hier zum Beispiel exakt ausgeführt. Der Oberkörper der Tänzerin dagegen ist schablonenhaft als Negativform angedeutet. Verschiedene Umrisslinien zeigen unterschiedliche Haltungen der Arme - es sind die unterschiedlichen zeichnerischen Ansätze aus dem Entstehungsprozess des Bildes. Aus der Entscheidung, sie sichtbar in der Bildfläche zu belassen, wird ein gestalterisches Moment, das Flüchtigkeit und Bewegtheit suggeriert. Bei den genannten Arbeiten geht es um Konstellationen von Körpern im Raum, in einem tiefengeschichteten Farb- oder vielleicht ja auch Bühnenraum. Es gibt so gut wie keine gegenständliche Anspielung. Denn die zierlichen Gräser und Blumen, die negativ an den unteren Bildrand gezeichnet sind, wirken ja eher wie biedermeierliche Schattenrisse und Chiffren der Künstlichkeit. Andrey ist ein ebenso leidenschaftlicher wie souveräner Zeichner. Zu seiner künstlerischen Technik gehört die Vermischung von Malerei und traditioneller Zeichnung. In seinen Bildaufbauten sind die zeichnerischen Einschübe nicht das Stenogramm, sondern werden oft zum Element der Konkretisierung und Intensivierung der Ausdrucksqualitäten. Dass er andererseits auf das Mittel der Reduktion setzt, ist dabei kein Widerspruch, sondern eher eine Anforderung an uns Betrachter. Bei der Darstellung der Akteure verzichtet er nicht nur auf physiognomische Genauigkeit, sondern er reduziert die Figuren auf die Kleider, in denen sie stecken, auf die Gewand-Hülle, die wir Menschen uns wählen, um unsere Identität zu betonen – oder vielleicht auch zu verbergen. Das Thema Tanz, das sich wie ein roter Faden auch durch frühere Arbeiten zieht, hat seit jeher einen festen Platz in der bildenden Kunst. Tanz taucht auf den Vasenbildern der Antike ebenso auf wie in den romantischen Szenerien mit Feen und Elfen bis zu den ekstatischen Bildern der Moderne, in denen nicht zuletzt Varieté und Tanz als Ausdruck des Zeitgefühls gefeiert wurden (Matisse, Kirchner, Nolde haben dafür eine eigene malerische Sprache entwickelt). Bei Andreys Bildern hier geht es weniger um das Herausarbeiten von Gegenwartsgefühl. Ausgangspunkt war für ihn, sagt er, eine gestalterische Frage, das Interesse am Faltenwurf – an der Frage, die in der Bildhauerei ja eine große Rolle spielt, wie nämlich eine Figur allein durch die Formen und Falten, die das Gewand bildet, zu beschreiben ist. Das Thema hat dann sozusagen eine Eigendynamik entwickelt, ihn zu immer neuen experimentellen Anordnungen und malerischen und zeichnerischen Prozessen geführt. In den beiden kleinen Arbeiten „Jahrmarkt“ 1 und 2 lässt sich zum Beispiel studieren, wie er in unterschiedlichen Techniken, die Schönen charakterisiert, die sich da im Gänsemarsch wie auf dem Laufsteg präsentieren. Der Künstler kann uns die Entstehungsgeschichten zu seinen Bildern erzählen, was ihn zu den Motiven gebracht hat. Wir Betrachter machen uns stets – oft zum Gram der Künstler – unseren eigenen erzählerischen Reim auf die Bilder. Wir assoziieren Dramatiken zum Dargestellten - reichern es mit unseren Projektionen und Ideen an. Und es kann sein, dass diese unsere Eindrücke dann nicht mehr viel mit dem zu tun haben, was den Künstler an der Szene interessiert hat. Aber das gehört zum Spannungsfeld und Abenteuer Kunst. In Andreys Bildfindungen stecken so viele Anspielungen und Überlagerungen, die in ihrer Gleichzeitigkeit eine unglaubliche Vieldeutigkeit ergeben. Sie strahlen ein großes Interesse am Menschen und an uns Zeitgenossen aus. Machen Sie sich ans Entziffern und haben Sie Spaß dabei. Denn der Künstler arbeitet ja nicht selten mit einer Prise Humor und lebenszugewandter Heiterkeit. Dr. Irmtraud Rippel-Manß zu Andrey Gradetchliev - 11.2015
...Neben den schwarz-weißen, zum Teil monumentalen Zeichnungen stehen Arbeiten, in denen die Zeichnung in leuchtende Farbflächen aus Acryl- oder Ölfarbe eingebettet ist bzw. von Farbe überlagert wird. Ein Beispiel, namensgebend für diese Ausstellung, ist das Bild „Der Reihe nach“. Auf einem farbig mehrschichtig angelegten Hintergrund bewegen sich Figuren bzw. nur deren Kleidung, teilweise gezeichnet, teilweise gemalt, in einer tänzerischen Bewegung nach links. Die tanzenden Kleider scheinen etwas, das dem Betrachter verborgen bleibt, zu folgen und es bleibt offen, ob sich in diese Gruppe noch mehr der körperlosen Wesen einreihen. Die Themen des Künstlers Wiederholung, Weiterentwicklung und Bewegung, kommen hier zusammen, ähnlich der Arbeit „Marsch“ von 2007, bei der allerdings die Kleidung noch durch Menschen ausgefüllt wird. Während die Bewegungsträger, bei „Der Reihe nach“ körperlose Kleider, verschiedene Eigenschaften ihrer potenziellen Träger aufzeigen, wird eine Bewegung bzw. eine Bewegungsrichtung wiederholt. Kleidung, Hüllen ohne Körper tauchen auch in den neuen Werken „Belgique“ und „Venezia“ auf, bei denen sich Andrey von Besuchen in europäischen Hauptstädten inspirieren ließ. __In „Omnibus“ kann der der Betrachter wiederum eine Figur aus einer früheren Arbeit entdecken. Das Mädchen im bunten Kleid, das in „Nordseekindheit I und II“ scheinbar unbeeindruckt dem bunten Treiben an der Küste zuschaut, schwebt hier als Silhouette geradezu über den Köpfen der Teilnehmer der Open-Bus-Tour – in Andreys Bildern finden sich immer wieder verschiedene Figuren aus unterschiedlichen Zeiten an verschiedenen Orten unter neuem Blickwinkel zusammen. __Die Arbeit in Schichten aus verschiedenen Zeichen- und Malmaterialien und Stilen, die in „Der Reihe nach“ sichtbar ist, zeigt sich verstärkt in dem neuen Werk mit dem Titel „Zwischen 15 und 18“, ebenfalls in der Ausstellung zu sehen. Mehrere Farbschichten werden dabei übereinander gesetzt und zum Teil im Anschluss wieder freigelegt. Dazu kommt die charakteristische Federzeichnung. Wirkt der dargestellte Kopf teilweise wie eine verworfene Skizze, mal stärker in den Umrissen, mal schwächer, scheint der Künstler dem Betrachter hier einen Teil der Vorgeschichte des Bildes mit auf den Weg zu geben. Er zeigt die Fragmente, die die Suche nach der endgültigen Komposition verdeutlichen, aus denen sich schließlich eine Geschichte zusammensetzt. Zu dem hier gewählten Thema der Teenager-Zeit passt das Arbeiten in Schichten besonders gut: es sind Jahre voller Veränderung, geprägt von gefühlten Fort- und Rückschritten und wechselvollen Stimmungslagen. Als Vater einer Tochter, die gerade erwachsen ist, sind Andrey diese Erfahrungen zurzeit besonders vertraut und waren sicher ein Impuls für die Beschäftigung mit diesem Thema. __Daneben gibt es hier ein Tier zu entdecken, das denjenigen, die das Werk des Künstlers kennen, seit einigen Jahren als wiederkehrendes Element vertraut ist: nämlich der Vogel auf dem Kopf. Köpfe zwischen Typisierung und Individualität durchziehen seine Arbeit und als geradezu logisch erscheint da das Aufzeigen menschlicher Eigenschaften in Form eines Tieres. Die kleinen gefiederten Gefährten haben sich auf dem Kopf der dargestellten Figuren niedergelassen und zeigen, quasi in Vertretung ihrer menschlichen Besitzer, die aktuelle Gemütslage. Jeder hat ja bekanntlich einen Vogel, mal mehr, mal weniger ausgeprägt und sichtbar. Diesen lässt Andrey, wie er es so schön nennt, in seinen Arbeiten „zwitschern“. __Der Mensch zwischen Auflösung in Typen und individueller Abgrenzung ist ein durchaus ernstes Thema, dem Andrey Gradetchliev in seinen Arbeiten nachgeht. Und doch gibt uns seine Kunst, nicht zuletzt mit dem Hinweis auf den Vogel, den zum Glück jeder hat, auch mit einem Augenzwinkern die Aufgabe mit auf den Weg, genauer hin zu sehen und die Geschichten, die sich in allem menschlichen finden, zu entdecken. Also: machen Sie sich auf den Weg! Franziska Boegehold, 11.07.2015
Barbara Habermann, St. Ansgar, Oldenburg, 28.3.2010 -Wir sehen auf eine Bildfolge mit fünf Tänzerinnen oder Tänzern, die sich vor unseren Augen zu bewegen scheinen. Es geht ein Impuls von ihnen aus, der uns zumindest in Gedanken - mehr oder weniger – mittanzen lässt, der uns mitreißt: Haare fliegen, Hosenbeine flattern, Füße stampfen. Wie kommt es zu diesem Mitgerissenwerden? Wie gesagt: Diese Bilder haben etwas mit Bewegung zu tun, zum einen für uns Betrachter, Bewegung, Tanz wird thematisiert. Zum anderen ist ihre Entstehung durch den individuellen Fluss der Handschrift von Andrey Gradetchliev bestimmt. Ich möchte auf einer allgemeinen Ebene auf diesen Prozess eingehen. Bewegung ist die Grundvoraussetzung künstlerischer Betätigung. Der Stift zieht unter der Bewegung des Arms eine Linie, hinterlässt eine Spur. Dieser Vorgang kann unter den unterschiedlichsten Prämissen ausgeführt werden: als behutsam gezogene Kontur, als heftig und schnell gesetzter Ausdruck. Immer ist dieser Vorgang des Machens, des Zeichnens wieder lesbar, nachvollziehbar. Bewegung hat etwas mit Lebendigkeit zu tun. Diese Lebendigkeit kommt sozusagen aus dem Bild heraus wieder auf uns zu. Auf der Suche nach neuen Vermittlungsformen des Zeichnens stieß ich auf Kimon Nicolaides, Lehrer an einer Kunstschule in New York der 30er Jahre. Im Zentrum seiner Überlegungen steht der Begriff der Geste. Nach ihm genügt es nicht, etwas nur abzuzeichnen, hier z.B. die Tänzer, sonder ich muss ihre Geste erfassen. Ich muss versuchen, mich ganz in ihre Bewegung hineinzuversetzen, um die Spannung des fremden Körpers im eigenen zu spüren. „To be able to see the gesture, you must be able to feel it in your own body.“(K.N. S.15) Also die Strichqualität ist Ausdruck der nacherlebten gesehenen Geste. Für Roland Barthes ist „der Künstler … ein Gestenmacher“ (R.B. S.168), und es gilt für den Betrachter, „die Bewegung … erneut zu sehen, zu identifizieren und … zu genießen.“ (R.B. S.171) „Der Strich ist eine sichtbare Aktion“ (R.B. S. 177). Rudolf Arnheim, ein Wahrnehmungspsychologe, der sich intensiv mit Kunst aller Epochen befasst hat, spricht von „Ausdrucksdynamik“, und er definiert sie als „gerichtete Spannungen“. Es sind diese Spannungen, die als Kräfte in verschiedene Richtungen „ziehen“ (R.A. S.419) und die wir letztlich als Anschauungsdynamik oder als Geste wahrnehmen. Arnheim spricht davon, dass der Künstler versucht, sich in einen „kinästhetischen Zustand“ (R.A. S.420) zu versetzen, bevor er zu malen oder zu zeichnen beginnt. Kinästhetik heißt nichts anderes als Bewegungswahrnehmung. Kehren wir zu Andreys Bildern zurück – nicht ohne zu erwähnen, dass diese Bilder vergrößerte Ausdrucke von Zeichnungen (ursprüngliche Größe …) sind. Nur dieses vergleichsweise kleine Format ermöglicht ihm die Entfaltung seiner persönlichen Handschrift. Ich möchte versuchen, auf ein paar Merkmale seiner Strichführung hinzuweisen. Da gibt es zunächst die Ausdruckslinien, die kräftig die Körper, die Kleidung, die fallenden Haare umspielen. Die ausführende Geste arbeitet mit Druck auf die Zeichenfeder. Herausfallend sind die fast senkrechten parallelen Linien der einen Person, die für uns dadurch deutlich aufstampft. Wir sehen weiter die Verdichtungen der Schraffurlinien, traditionell Helligkeit und Dunkelheit, Licht und Schatten markierend. Auffällig ist, dass es keine eindeutige Lichtführung gibt, sonder einen ständigen Wechsel von hell und dunkel, von Licht und Schatten, wie er eben für Bewegung charakteristisch ist. Es entsteht vor unseren Augen ein horizontales, schwingendes Band von verschränkten Armen, aber durchaus individuell gesetzten Fußbewegungen – also kein Gleichschritt. Wir nehmen kaum Gesichtszüge wahr, eher ein Versunkensein im kinästhetischen Erleben des Tanzes, eine nach innen gerichtete Aufmerksamkeit. Die Gruppe ist nach beiden Seiten offen ohne bestimmten Anfang oder ein Ende. Die Körper mäandern über die Wand – tanz.end – ohne Ende. Barbara Habermann, St. Ansgar, Oldenburg, 28.3.2010
Meine großformatigen, im Prinzip unendlich fortsetzbaren Frieskompositionen bilden seit vielen Jahren einen zentralen Bestandteil meiner Arbeit. Die Tafeln basieren zumeist auf dem Medium der Zeichnung, meiner wichtigsten künstlerischen Ausdrucksform. Denn die Zeichnung erlaubt die spontanste und direkteste Verbindung zwischen Eingebung und Ausführung, zwischen Idee und Realisierung. Ich nutze sie, um Menschen zu studieren, ihre Haltungen, Bewegungen und Posen zu analysieren, ihre Befindlichkeiten zu typisieren.
Meine intensive Beschäftigung mit dem Medium der Zeichnung reicht zurück bis in meine Schulzeit am Gymnasium für Bildende Künste in Sofia, das bis in die 1980er-Jahre hinein die Ausbildung einer neuen Generation von Künstlern im damaligen kommunistischen Bulgarien zum Ziel hatte. Zu unseren wichtigsten Übungen zählte damals das Freie Zeichnen im Bahnhof von Sofia. Mit unseren Skizzen studierten wir stundenlang die Menschen, die dort in den großen Warteräumen saßen; Menschen, die gezeichnet vom Arbeitsalltag dicht nebeneinender sitzend auf ihre Züge warteten.
Die unzähligen Federzeichnungen, die ich in meinen ersten Jahren am Gymnasium gezeichnet habe, haben meinen weiteren Weg als Bildender Künstler geprägt. Besonders wichtig war mir dabei von Anfang an der gestische, von „Hand geschaffene“ Strich. Denn die Hand fungiert in gewisser Weise als individueller Seismograph unserer inneren Stimmung. In seinen Ausschlägen und Vibrationen spiegeln sich unsere Gefühlslage, unsere körperliche Verfassung, unser Lebensalter, unser kulturelles Umfeld und unsere zeichnerischen Fähigkeiten. Und all diese Faktoren zusammen hinterlassen eine einzigartige charakteristische Spur.
An der Kunstakademie in Sofia bin ich dieser „Spur“ dann weiter gefolgt. 1995 habe ich dort mit meiner Arbeit „Lineare Meter Publikum“ begonnen, die mich seitdem begleitet. Sie war Teil meiner Diplomarbeit (Radierungen) und Teil meiner Bewerbungsunterlagen für ein Stipendium in den Atelierhäusern in Worpswede. Nach meiner zehnmonatigen Stipendiatenzeit habe ich damals zwölf großformatige Ölbilder aus der Reihe in einer Ausstellung im Alten Rathaus in Worpswede ausgestellt. In den folgenden Jahren, in denen ich als Theatermaler in Hof/Bayern gearbeitet habe, habe ich die Arbeit „Lineare Meter Publikum“ um weitere Meter ergänzt.
Seit 2000 führe ich das Thema in Form überdimensional großer Federzeichnungen weiter. Ab 2009 zeichne ich direkt mit Tusche auf der Leinwand. Pinsel, von mir bearbeitete Kaligrafieferdern und Bambusfeder dienen als Werkzeuge.
Durch die Vielzahl an Arbeiten ist im Laufe der Zeit ein regelrechtes Panoptikum entstanden – eine Art überdimensionales Tagebuch, das mein Leben als prinzipiell „unendliche“ Frieskomposition begleitet. In den verschiedenen Zeichnungen halte ich unterschiedlichste Menschen fest, denen ich in meinem Alltag begegne. In meinen Frieskompositionen bilden sie das zu betrachtende Kunstwerk und werden durch ihre Größe und ihre Präsenz gleichzeitig zum großformatigen Spiegel. Und damit zum Teil des Publikums selbst.
text von Andrey Gradetchliev (2010)
Andrey Gradetchliev hat die Zeichnung zu seiner wichtigsten künstlerisches Ausdrucksform gewählt. Sie ist das Medium, das die spontanste und direkte Verbindung zwischen Eingebung und Ausführung, zwischen Idee und Realisierung erlaubt. Er nutzt es, um Menschen zu studieren, ihre Posen zu analysieren, Befindlichkeiten zu typisieren. Damit schafft er ein wundersames Panoptikum und hält uns als Zeitgenossen so auch einen Spiegel vor. In einer seiner Serien reiht er Figuren als Sitzende frontal auf, wie Publikum, das uns wortlos zusieht und zu Akteuren auf einer Bühne macht. Ein andermal lässt er sie in meterlang sich fortsetzenden Bildern exakt auf Linie marschieren, studiert sie beim Tanzen, lässt sich auch als Akte nebeneinander posieren, setzt ihnen in frecher Anspielung einen Vogel auf den Kopf. Seine Pointierungen treibt er gern bis an die Grenze der Karikatur. In souveräner Beherrschung der akademischen Techniken und Stilmittel kann der Künstler Volumen, Körper, Licht und Schatten in Schwarz-Weiß-Manier mit feinsten Schraffuren und Linienführungen schaffen. Sein wahres Temperament zeigt er in Bildern, in denen er seine Zeichnung in leuchtende Farbflächen einbettet, seine freie und reduzierenden Pinselschwünge und Federstriche übereinander setzt und so wahrlich Hintergründiges schafft: Chiffren, Figuren, Porträts scheinen im Umriss auf, wie Fragmente einer früheren Erzählung, geben dem Hauptmotiv eine Mehrdeutigkeit und bringen auch den Verlauf von Zeit ins Spiel. Dass Gradetchliev, der seit einigen Jahren in Oldenburg lebt, als Zeichner seine Ausdrucksmittel kritisch auslotet, zeigen seine großformatigen schwarz-weißen Leinwandbilder. In ihnen dehnt er den leichten Schwung und die bewegten Binnenschraffuren der schnellen Handzeichnung ins Riesenformat, indem er eine kleine Handzeichnung einscannt und im Computerdruck vergrößert: Der Verfremdungseffekt durch die Monumentalisierung bringt eine subtil veränderte Ästhetik ins Spiel und spielt auf ganz besondere Weise auf das Verhältnis von Original und Reproduktion an. Dr. Irmtraud Rippel-Manß /01.2008
Worpswede einst und jetzt / Von Ludwig Harig _ Frankfurter Allgemeine Zeitung_10.1996 “...Der derzeit hier wohnende und arbeitende Stipendiant der Worpsweder Atelierhaus Andrey Gradetchliev hat nur “einen Schrittbreit” Moor gesehen, doch dieses Stückchen Erde hat genügt, ihn zu einem Bild anzuregen: Zwischen transperenten Papierbahnen leuchtet ein imaginäres Stück “Vertikales Moor” mit naturgewachsenen Schilfblättern und Seggengras hervor und bezeugt seine unauflösliche Zugehörigkeit zu Wopswede.” Worpswede einst und jetzt / Von Ludwig Harig _ Frankfurter Allgemeine Zeitung_10.1996